Lektion 8: Präsens im Binjan Pa'al. Hebräisch-Kern: Präsens ist Partizip

So arbeitest du mit dieser Lektion

  1. Lies — erfass die Schlüsselidee (5 Minuten): das Präsens im Hebräischen ist kein Verb, es ist ein Partizip, und es kongruiert in Genus und Numerus wie ein Adjektiv.
  2. Wurzel durchrammen — nimm eine Wurzel und ramm sie durch alle 4 Formen (m. Sg. / f. Sg. / m. Pl. / f. Pl.) durch. Dann die nächste Wurzel. Dann die nächste.
  3. Matrix „er/sie/sie-Pl." — jeden Satz prüf in drei Szenarien: Subjekt m., f., Pl. Wenn die Kongruenz zerfällt — ist das Partizip falsch.
  4. Laut — sprich jedes Beispiel mindestens dreimal aus. Ziel ist, dass das Paar kotev / kotevet (er schreibt / sie schreibt) ohne Nachdenken aus dir herausspringt.

5 % — verstehen, dass „ich schreibe" im Hebräischen zwei verschiedene Wörter sind (Mann und Frau); 95 % — den Reflex trainieren, die richtige Form ohne Verzögerung zu wählen.


Teil 1: Das Wichtigste über das Präsens im Hebräischen

Das ist die Schlüssellektion des ganzen Kurses. Wenn du die Idee des Partizips verinnerlichst, wird Hebräisch viel verständlicher. Wenn nicht — stolperst du das ganze A2 hindurch.

Im Hebräischen ist das Präsens ein Partizip, kein konjugiertes Verb.

Was heißt das praktisch? Im Deutschen sind „ich schreibe — du schreibst — er schreibt" drei verschiedene Formen eines Verbs, und sie unterscheiden sich nach Person (1., 2., 3.). Das Genus spielt dabei keine Rolle: „ich schreibe" sagt der Mann genauso wie die Frau.

Im Hebräischen ist es umgekehrt:

Genus und Numerus — vorhanden. Personen — nicht.

Ein und dieselbe Form bedient „ich", „du", „er" — solange das Subjekt im maskulinen Singular steht. Die ganze Personen-Information übernimmt das Pronomen oder das Subjekt; das Partizip-Verb reagiert nicht auf die Person. Dafür reagiert es streng auf Genus und Numerus.

Vergleich:

DeutschHebräischTranslit
Ich schreibe (Mann)אֲנִי כּוֹתֵבani kotev
Ich schreibe (Frau)אֲנִי כּוֹתֶבֶתani kotevet
Du schreibst (m.)אַתָּה כּוֹתֵבata kotev
Du schreibst (f.)אַתְּ כּוֹתֶבֶתat kotevet
Er schreibtהוּא כּוֹתֵבhu kotev
Sie schreibtהִיא כּוֹתֶבֶתhi kotevet

Siehst du? Die Form kotev bedient „ich / du / er", wenn das Subjekt maskulin Singular ist. Die Form kotevet bedient „ich / du / sie", wenn das Subjekt feminin Singular ist. Die Person als solche ist in der Form nicht codiert.

Merk dir das Wichtigste: deutsches „ich schreibe" ist sowohl kotev (wenn ein Mann spricht) ALS AUCH kotevet (wenn eine Frau spricht). Verschiedene Wörter. Nicht zusammenzukürzen — das Hebräische verlangt, dass sich der Sprecher „nach Geschlecht vorstellt", jedes Mal wenn er den Mund aufmacht.

Das ist der „Hebräisch-Kern". Das erklärt, warum es im Hebräischen nur 4 Formen des Präsens gibt (wie beim Adjektiv), nicht 6 wie beim deutschen Verb (sechs Personen, ohne Genusunterscheidung).


Teil 2: Muster ko-te-l — vier Formen wie beim Adjektiv

In Lektion 7 hast du gesehen, dass jeder Binjan ein Muster hat. Das Muster des Präsens im Pa'al heißt ko-te-l (oder „kotó l / kotél" in Lehrbüchern — die Buchstaben Q, T, L stehen hier als „Slot 1, Slot 2, Slot 3" für die drei Wurzelbuchstaben).

Nehmen wir die Wurzel כ-ת-ב (k-t-v, „schreiben"). Setzen wir sie ins Muster ein:

FormHebräischTranslitFür wen
m. Sg.כּוֹתֵבkotevSubjekt m., 1 (ich/du/er/Mann)
f. Sg.כּוֹתֶבֶתkotevetSubjekt f., 1 (ich/du/sie/Frau)
m. Pl.כּוֹתְבִיםkotvimSubjekt m., viele (wir/ihr-m./sie-m.)
f. Pl.כּוֹתְבוֹתkotvotSubjekt f., viele (wir/ihr-f./sie-f.)

Vokalschablone: m. Sg. — o-e (kotev), f. Sg. — o-e-et (kotevet), m. Pl. — o-im (kotvim, der zweite Vokal fällt aus!), f. Pl. — o-ot (kotvot, wieder ohne zweiten Vokal).

Beachte den Ausfall: im Plural verschwindet der mittlere Vokal (das gleiche „-te-" aus ko-te-l). Daher m. Sg. ko-tev → m. Pl. kot-vim (und nicht „kotevim"). Analog f. Pl. — kot-vot, nicht „kotevot".

Vergleich mit dem Adjektiv

Adjektiv „neu" (חדש)Verb „schreibt" (כ-ת-ב)
חָדָשׁ chadash (m. Sg.)כּוֹתֵב kotev (m. Sg.)
חֲדָשָׁה chadasha (f. Sg.)כּוֹתֶבֶת kotevet (f. Sg.)
חֲדָשִׁים chadashim (m. Pl.)כּוֹתְבִים kotvim (m. Pl.)
חֲדָשׁוֹת chadashot (f. Pl.)כּוֹתְבוֹת kotvot (f. Pl.)

Strukturell — dasselbe: 4 Formen, Kongruenz mit dem Subjekt nach Genus und Numerus. Deshalb wird das Verb im Präsens auch Partizip genannt — es verhält sich wie ein Attribut-Adjektiv, wird aber als Verb übersetzt.

Versteckter Bonus: kotev kann im Hebräischen wörtlich sowohl „schreibend", „schreibt" als auch (mit Artikel) „Schreiber/Schriftsteller" bedeuten. Ein und dasselbe Aktivpartizip. Das erklärt, warum sofer („Schriftsteller") und kotev („schreibend/schreibt") Verwandte in der Familie der Wurzel k-t-v sind.


Teil 3: Vollständiges Paradigma mit Pronomen — 10 Formen für 4 Endungen

Pronomen haben wir in Lektion 5 durchgenommen. Kreuzen wir sie mit den 4 Partizipformen und bekommen das Bild „wie das nach Person funktioniert". Merk dir: das Pronomen gibt die Person, das Partizip — Genus und Numerus.

Wurzel כ-ת-ב („schreiben") — vollständiger Durchlauf

PronomenVerbTranslitDeutsch
אֲנִי (m.)כּוֹתֵבani kotevich schreibe (Mann)
אֲנִי (f.)כּוֹתֶבֶתani kotevetich schreibe (Frau)
אַתָּהכּוֹתֵבata kotevdu schreibst (m.)
אַתְּכּוֹתֶבֶתat kotevetdu schreibst (f.)
הוּאכּוֹתֵבhu kotever schreibt
הִיאכּוֹתֶבֶתhi kotevetsie schreibt
אֲנַחְנוּ (gem./m.)כּוֹתְבִיםanachnu kotvimwir schreiben
אֲנַחְנוּ (nur f.)כּוֹתְבוֹתanachnu kotvotwir schreiben (nur Frauen)
אַתֶּםכּוֹתְבִיםatem kotvimihr schreibt (m. / gem.)
אַתֶּןכּוֹתְבוֹתaten kotvotihr schreibt (f.)
הֵםכּוֹתְבִיםhem kotvimsie schreiben (m. / gem.)
הֵןכּוֹתְבוֹתhen kotvotsie schreiben (f.)

Beachte: 12 Zeilen — aber nur 4 tatsächliche Verbformen (kotev, kotevet, kotvim, kotvot). Das ist das „eingeklappte" System des Präsens.

Regel der „gemischten Gruppe": wenn in einer Gruppe auch nur ein Mann unter zehn Frauen ist, nimmt man trotzdem den maskulinen Plural (kotvim, atem, hem). Den femininen Plural (kotvot, aten, hen) — nur wenn alle ohne Ausnahme Frauen sind.


Teil 4: Verschiedene Wurzeln — verschiedene „Gesichter" eines Musters

Das Muster ko-te-l ist für alle Pa'al-Wurzeln mit drei „starken" Konsonanten gleich. Aber nicht alle Wurzeln sind „stark" — manche Wurzelbuchstaben fallen aus oder ändern sich (das sind schwache Wurzeln, ausführlich in L26). Hier — vier Wurzeln, damit du die Norm und die kleinen Abweichungen siehst.

Wurzel ל-מ-ד („lernen")

FormHebräischTranslit
m. Sg.לוֹמֵדlomed
f. Sg.לוֹמֶדֶתlomedet
m. Pl.לוֹמְדִיםlomdim
f. Pl.לוֹמְדוֹתlomdot

Reiner Pa'al, keine Überraschungen. Schablone o-e / o-e-et / o-im / o-ot.

Wurzel ע-ב-ד („arbeiten")

FormHebräischTranslit
m. Sg.עוֹבֵדoved
f. Sg.עוֹבֶדֶתovedet
m. Pl.עוֹבְדִיםovdim
f. Pl.עוֹבְדוֹתovdot

Beachte: Ajin (ע) am Wortanfang ist ein Kehllaut, er „schweigt" bei den modernen Israelis fast. Deshalb klingt oved wie „o-wed", das Ajin „trägt" einfach den Anfangsvokal „o" aus dem Muster. Im Schriftbild ist die Wurzel trotzdem dreikonsonantig: ע-ב-ד.

Wurzel ר-א-ה („sehen") — schwache Wurzel, letzter Buchstabe ה

FormHebräischTranslit
m. Sg.רוֹאֶהro'e
f. Sg.רוֹאָהro'a
m. Pl.רוֹאִיםro'im
f. Pl.רוֹאוֹתro'ot

Sonderfall! Wurzeln, bei denen der letzte Buchstabe ה ist, verlieren im Präsens das typische Muster: statt ko-tev / ko-te-vet bekommen wir ro-'e / ro-'a. Die f.-Sg.-Endung ist nicht „-et", sondern einfach „-a". Das ist eine Klasse schwacher Wurzeln (formal „Lamed-Hej"), es gibt viele davon, und sie liefern Verben wie:

  • ר-א-ה → ro'e / ro'a („sehen")
  • ק-נ-ה → kone / kona („kaufen")
  • ש-ת-ה → shote / shota („trinken")
  • ר-צ-ה → rotse / rotsa („wollen")
  • ע-ש-ה → ose / osa („tun, machen")

Die Klasse betrachten wir ausführlich in L26; für jetzt — merk dir nur diese 5, weil sie sehr häufig sind.

Wurzel ה-ל-כ („gehen", Bewegungsverb)

FormHebräischTranslit
m. Sg.הוֹלֵךְholekh
f. Sg.הוֹלֶכֶתholekhet
m. Pl.הוֹלְכִיםholkhim
f. Pl.הוֹלְכוֹתholkhot

Beachte: der letzte Buchstabe Kaf (כ) wird in der Position „ohne Dagesch" als „ch" gelesen (siehe L1, BeGeD KeFeT). Am Wortende wird daraus Sofit ך, ebenfalls „ch". Das ist ein normales Pa'al-Partizip, klingt für unser Auge nur wegen der zwei „ch" exotisch.


Teil 5: Verneinung — Partikel לֹא (lo)

Um „nicht schreiben / nicht arbeiten / nicht sehen" zu sagen, setzt man לֹא (lo) vor das Partizip:

HebräischTranslitDeutsch
אֲנִי לֹא כּוֹתֵבani lo kotevich schreibe nicht (m.)
הִיא לֹא עוֹבֶדֶתhi lo ovedetsie arbeitet nicht
הֵם לֹא לוֹמְדִיםhem lo lomdimsie lernen nicht
אֲנַחְנוּ לֹא רוֹאוֹתanachnu lo ro'otwir sehen nicht (wir — Frauen)

Dasselbe lo funktioniert sowohl zur Verneinung des Verbs („schreibe nicht") als auch zur Verneinung allgemein („nein", als Antwort). Das ist praktisch: eine Partikel, zwei Bedeutungen.


Teil 7: Einfache Sätze — den Satz zusammenbauen

In Lektion 5 hast du gelernt, dass es im Präsens keine Kopula „sein" gibt: „ich bin Schüler" = ani talmid, ohne Verb. Beim Verb-Partizip ist es genauso, keine zusätzliche Kopula nötig. Einfach Subjekt + Partizip (+ Objekt).

HebräischTranslitDeutsch
אֲנִי לוֹמֵד עִבְרִיתani lomed ivritich lerne Hebräisch (Mann)
אֲנִי לוֹמֶדֶת עִבְרִיתani lomedet ivritich lerne Hebräisch (Frau)
דָּנָה כּוֹתֶבֶת סֵפֶרDana kotevet seferDana schreibt ein Buch
יוֹסִי וְדָנָה הוֹלְכִים הַבַּיְתָהYossi ve-Dana holkhim ha-baytaYossi und Dana gehen nach Hause
הַתַּלְמִידוֹת לוֹמְדוֹתha-talmidot lomdotdie Schülerinnen lernen
הוּא לֹא רוֹאֶהhu lo ro'eer sieht nicht
אֲנַחְנוּ אוֹכְלִיםanachnu okhlimwir essen
הֵן יוֹדְעוֹתhen yod'otsie (Frauen) wissen

Wortstellung — meist SVO (Subjekt-Verb-Objekt), wie auch im Deutschen in vielen Fällen: „Dana schreibt ein Buch".

Kongruenz — die Hauptfalle. Wenn das Subjekt ha-talmidot (Schülerinnen, f. Pl.) ist, muss das Partizip lomdot sein, nicht lomdim. Ein Patzer beim Genus — und der Satz fällt auseinander (und fürs Ohr eines Israelis hört man das sofort, wie bei uns „die Lehrerin ist gegangen worden").


Teil 8: Kontrast zum Deutschen — was schrumpft, was schwillt

Vergleichen wir die „Karte" des Präsens in beiden Sprachen:

MerkmalDeutschHebräisch
Unterscheidung nach Person (ich/du/er)ja: schreibe, schreibst, schreibtnein
Unterscheidung nach Numerus (Sg./Pl.)ja: schreibe — schreibenja: kotev — kotvim
Unterscheidung nach Genusneinja: kotev — kotevet
Wie viele Formen hat ein Verb im Präsens6 (1./2./3. × Sg./Pl.)4 (m. Sg./f. Sg./m. Pl./f. Pl.)
Wie heißt die Formkonjugiertes VerbPartizip (wie ein Adjektiv)
Kopula „sein" im Präsensvorhandenfehlt

Schlüsselasymmetrie: Deutsch handelt mit „Person" (3 Stufen) und unterdrückt „Genus" (keines). Hebräisch — umgekehrt: „Person" entfällt, „Genus" kommt hinzu. Auf lange Sicht ist Hebräisch kompakter: 4 Formen gegen 6.

Aber! Im Präteritum und Futur „holt das Hebräische auf" — dort werden Personen unterschieden, und es entstehen viele Formen (L12, L21). Gewöhn dich also nicht an den Komfort des Präsens; das ist eine Insel der Einfachheit.


Lektion 8: Präsens im Binjan Pa'al. Hebräisch-Kern: Präsens ist Partizip · עברית · Glottos Matrix