Lektion 29: Relativpräfix ש- (she-). Relativsätze. Resumptive Pronomen. Objektpronomen am Verb

So arbeitest du mit dieser Lektion

  1. Lies das Wichtigste — Hebräisch benutzt für alle deutschen „der / die / das / die" im Relativsatz, in allen Genera, Numeri und Kasus, eine einzige Partikel — das an das Wort angeklebte ש- (she-). Das musst du akzeptieren, bevor du Beispiele paukst.
  2. Schick die Matrix durch alle Genera und Numeri des deutschen „der/die/das" — übersetze 10 Sätze mit verschiedenen Kongruenzen ins Hebräische und überzeuge dich: die Kongruenz verschwindet, übrig bleibt nur ein she-.
  3. Setze das resumptive Pronomen — gehe separat durch obliquen Kasus: „das Haus, in dem ich wohne", „die Frau, mit der ich spreche", „der Lehrer, bei dem ich lerne". Hebräisch gibt in den Nebensatz zwingend ein „in ihm", „mit ihr", „bei ihm" zurück — wörtlich: „das Haus, das ich wohne IN IHM".
  4. Vergleiche re'itiv und ra'iti oto — zwei Wege „ich sah ihn" zu sagen. Kodex — verbunden (re'itiv), Gespräch — getrennt (ra'iti oto). Beide leben.

Den Mechanismus von she- verstehen = 5 %. Den Reflex „deutsches Relativpronomen → hebräisches she- + (resumptiv bei obliquem Kasus)" trainieren = 95 %. Diese Lektion ist die letzte Grammatik-Lektion von B1 vor dem Zusammenbau in L30. Danach kannst du aus zwei einfachen Sätzen einen zusammengesetzten machen: Hauptsatz + Nebensatz mit she-.


Teil 1: Das Wichtigste — ein she- für alle Relativsätze

Das deutsche „der/die/das" als Relativpronomen ist ein vielgesichtiger Chamäleon. Es ändert die Endung nach Genus, Numerus und Kasus: der / die / das / die / dem / der / in dem / mit der — acht Formen eines Wortes. Jede ist mit dem Bezugsnomen kongruiert.

Hebräisch gibt dafür eine Partikel:

ש- (she-) — ein vorn angeklebtes Präfix. Wird „sche-" gesprochen. Passt zu jedem Nomen, jedem Genus, jedem Numerus, jedem Kasus.

Das ist keine „Vereinfachung" — es ist eine andere Logik. Deutsch markiert die Beziehung morphologisch (über Endung). Hebräisch markiert nur die Tatsache der Beziehung (über eine Partikel) und holt sich wer/was/wie aus dem Kontext.

Deutsch (8 verschiedene Formen)Hebräisch (eine Partikel)
das Buch, das ich leseha-sefer she-ani kore
die Frau, die sprichtha-isha she-medaberet
die Schüler, die lernenha-talmidim she-lomdim
der Lehrer, den ich gesehen habeha-more she-ra'iti

Reflex: siehst du im deutschen Satz irgendein „der / die / das / dessen / deren / dem / der / in dem / mit dem" — im Hebräischen kommt she- vor das Verb oder Nomen des Nebensatzes. Punkt.


Teil 2: ש- (she-) vs. אשר (asher) — zwei Register

Im Hebräischen gibt es eine zweite Relativkonjunktion — אשר (asher). Bedeutung — exakt dasselbe „der/die/das".

HebräischWann
ש- she-Gespräch. 99 % der echten Rede. Prosa, Zeitungen, SMS.
אשר asherFormaler Schriftstil, Literatur, Jurisprudenz.

Im Gespräch klingt אשר betont feierlich — wie bei uns „welcher" statt „der/die/das". Ein Muttersprachler würde nie ha-bayit asher ani gar bo im Café sagen — er sagt ha-bayit she-ani gar bo. Historisch ist she- eine Kürzung von asher.

Merke: wir bauen Gespräch. Überall — she-. אשר erkennst du beim Lesen, benutzt es aber selbst nicht.


Teil 3: Grundkonstruktion — Hauptsatz + she- + Nebensatz

Du nimmst zwei einfache Sätze, den zweiten machst du über she- zum Nebensatz:

  • ha-bachura yafa — „das Mädchen ist schön"
  • ha-bachura gara b-Tel Aviv — „das Mädchen wohnt in Tel Aviv"
  • → ha-bachura she-gara b-Tel Aviv yafa — „Das Mädchen, das in Tel Aviv wohnt, ist schön"

Struktur: [Antezedens] + [she- + Nebensatz] + [Hauptprädikat].

Weitere Beispiele:

DeutschHebräischTranslit
Das Buch, das ich lese, ist interessant.ha-sefer she-ani kore me'anyen.(haSefer she-ani korE me'anjEn)
Der Mann, der gekommen ist, ist Lehrer.ha-ish she-ba hu more.(haisch she-ba hu morE)
Die Kinder, die spielen, sind meine.ha-yeladim she-mesachakim shelanu.(hajeladIm she-mesachakIm schelAnu)
Das Auto, das der Vater gekauft hat, ist neu.ha-mechonit she-aba kana chadasha.(hamechonIt she-Aba kanA chadaschA)

Bemerke: im Hebräischen steht zwischen Antezedens und she- kein Komma. Im Deutschen steht es fast immer. Das ist ein Interpunktionsunterschied, kein struktureller.


Teil 4: Resumptives Pronomen — das obligatorische „es/ihn/ihr" im Nebensatz

Das ist der Hauptkick der Lektion, der einen Deutschsprachigen erst einmal überrascht.

Im Deutschen trägt das Relativpronomen im obliquen Kasus selbst die Rollen-Information:

  • „das Haus, in dem ich wohne" — „in dem" = Präposition + Wort, das „Haus" ersetzt
  • „die Frau, mit der ich spreche" — „mit der" = Präposition + Wort, das „Frau" ersetzt
  • „der Lehrer, bei dem ich lerne" — „bei dem" = Präposition + Wort, das „Lehrer" ersetzt

Hebräisch kann das nicht. Bei she- gibt es keinen Kasus. Deshalb löst die Sprache das Problem resumptiv — es wiederholt im Nebensatz ein Pronomen, das auf das Antezedens zurückverweist.

Resumptiv-Regel: wenn das deutsche Relativpronomen im obliquen Kasus (nicht Nominativ) steht, dann she- + Nebensatz + Pronomen, das auf das Antezedens zurückverweist.

Das heißt wörtlich: „das Haus, dass ich wohne in ihm", „die Frau, dass ich spreche mit ihr".

Erinnere dich an L15: Präposition + Pronominalsuffix — ein Wort (bo, ba, ito, ita, alav, aleha, lo, la usw.).

PräpositionDeutschHebräischWörtlich
ב- (in)das Haus, in dem ich wohneha-bayit she-ani gar bo„das Haus, das ich wohne in ihm"
ב- (in)das Land, in dem ich geboren binha-eretz she-noladeti ba„das Land, das ich geboren in ihm"
עם (mit)die Frau, mit der ich sprecheha-isha she-ani medaber ita„die Frau, das ich spreche mit ihr"
עם (mit)der Freund, mit dem ich arbeiteha-chaver she-ani oved ito„der Freund, das ich arbeite mit ihm"
על (über)das Buch, über das man sprichtha-sefer she-medabrim alav„das Buch, das man spricht über ihn (m.!)"
על (über)das Thema, über das ich denkeha-nose she-ani choshev alav„das Thema, das ich denke über ihn (m.!)"
ל- (zu/für)das Kind, dem ich helfeha-yeled she-ani ozer lo„das Kind, das ich helfe ihm"
ל- (zu/für)das Mädchen, dem ich ein Geschenk gegeben habeha-yalda she-natati la matana„das Mädchen, das ich gegeben ihr ein Geschenk"

Aufgepasst mit dem Genus: das Resumptiv kongruiert mit dem Genus des hebräischen Nomens, nicht des deutschen. ha-nose „Thema" — m. im Hebräischen → alav, nicht aleha.


Teil 5: Resumptiv für direktes Objekt — OPTIONAL

Wenn das Relativpronomen im Deutschen im Akkusativ ohne Präposition steht (direktes Objekt):

DeutschOhne Resumptiv (Gespräch)Mit Resumptiv (deutlicher)
das Buch, das ich leseha-sefer she-ani koreha-sefer she-ani kore oto
der Film, den ich gesehen habeha-seret she-ra'itiha-seret she-ra'iti oto
der Lehrer, den ich kenneha-more she-ani makirha-more she-ani makir oto

Formen oto / ota / otam / otan — dieselben Objektpronomen wie in L11.

Gesprächsnorm: beim direkten Objekt wird das Resumptiv meist weggelassen. Beim obliquen (mit Präposition) ist es Pflicht. Diese Asymmetrie — merken.


Teil 6: Übersichtstabelle „wann braucht es ein Resumptiv"

Rolle des „der/die/das" im NebensatzResumptiv?Beispiel
Subjekt („der wohnt")NEINha-ish she-gar po
Direktes Objekt („den ich gesehen habe")optionalha-ish she-ra'iti (oto)
Oblique mit PräpositionJA, Pflichtha-bayit she-ani gar bo
Possessiv („dessen")JA (shel + Suffix / le- + Suffix)ha-ish she-ha-bayit shelo

Possessiv — Beispiele:

DeutschHebräischWörtlich
Der Mann, der einen Hund hat.ha-ish she-yesh lo kelev.„der Mann, das es ist ihm ein Hund"
Die Frau, deren Haus groß ist.ha-isha she-ha-bayit shela gadol.„die Frau, das das Haus von-ihr groß"

Teil 7: Objektpronomen am Verb — re'itiv vs. ra'iti oto

„Ich sah ihn" kann man im Hebräischen auf zwei Arten sagen:

Analytisch (umgangssprachlich, häufig)

Verb + Objektpronomen über et (L11):

HebräischÜbersetzung
ra'iti oto / ota / otam / otanich sah ihn / sie / sie (m.) / sie (w.)
ahavti otkha / otakhich liebte dich (m.) / dich (w.)

Verbunden (buchsprachlich, kodifiziert)

Das Verb erhält das Objektpronomen direkt als Suffix, ohne et:

HebräischÜbersetzung
re'itivich sah ihn (ra'iti + -v)
re'itihaich sah sie
re'itimich sah sie (m.)
ahavtikhaich liebte dich (m.)

Im Deutschen keine Parallele. Im Deutschen sagen wir immer „ich sah ihn" (getrennt). Im Hebräischen gibt es zwei Varianten desselben Sinns. Historisch bevorzugte die Sprache die verbundene (Bibel: re'itiv); das moderne Gespräch — die analytische (ra'iti oto).

Paradigma der verbundenen Suffixe mit dem Verb ra'iti „ich sah"

WenSuffixFormÜbersetzung
dich (m.)-khare'itikhaich sah dich
ihn-v / -hure'itivich sah ihn
sie-hare'itihaich sah sie
sie (m.)-mre'itimich sah sie
sie (w.)-nre'itinich sah sie

Wann welche Variante

RegisterWas man sagt
Gespräch, Prosa, Zeitung, SMSAnalytisch: ra'iti oto, natati lo.
Literatur, Lyrik, formellVerbunden: re'itiv, netativ.

Pragmatik: in der Rede sagst du ra'iti oto. Im Buch siehst du re'itiv und musst es als „ich sah ihn" erkennen. Aktiv verbundene Formen zu bauen — musst du nicht — aber beim Lesen verstehen — Pflicht.


Lektion 29: Relativpräfix ש- (she-). Relativsätze. Resumptive Pronomen. Objektpronomen am Verb · עברית · Glottos Matrix