Lektion 1: Französisch lesen. Zahlen 0–20

So arbeitest du mit dieser Lektion

  1. Lies — die Regel verstehen (5 Minuten, nicht mehr!)
  2. Sprich laut — langsam, bewusst, jeden Laut analysierend
  3. Beschleunige — wiederhole, bis die Sätze von selbst herausfliegen

Regel kennen = 5 %. Mund trainieren = 95 %. Französisch ist Sport für Zunge und Lippen. Lass die deutsche Artikulation komplett los — Französisch benutzt Muskeln, die das Deutsche nie verlangt.


Teil 1: Die eine Regel, die alles verändert

Französisch wird nicht so geschrieben, wie es gelesen wird. Anders als Deutsch oder Spanisch gibt es viele „überflüssige" Buchstaben, die wichtig aussehen und komplett stumm bleiben. Die gute Nachricht: die Regeln sind echt und du brauchst nur eine Handvoll. Die schlechte: du musst sie ohne „warum" akzeptieren.

Die wichtigste Regel von allen:

Endkonsonanten sind in der Regel stumm. Besonders -s, -t, -d, -x, -z, -p.

  • Paris → „pa-RI" (stummes s)
  • petit → „pö-TI" (stummes t)
  • trop → „tro" (stummes p)
  • chez → „sche" (stummes z)
  • deux → „dö" (stummes x)

Deutsch hat zwar Auslautverhärtung (Hund klingt wie „Hunt"), aber Französisch tilgt den Endkonsonanten gleich ganz weg. Sobald du „der letzte Konsonant ist tot" akzeptierst, hört ein riesiger Anteil französischer Rechtschreibung auf, dir Angst zu machen.

Die Ausnahme: c, r, f, l werden am Wortende meistens doch ausgesprochen. Merksatz: das englische Wort „CaReFuL" — diese vier Konsonanten bleiben am Wortende lebendig.

  • avec → „a-VEK" (c klingt)
  • bonjour → „bõ-SCHUR" (r klingt)
  • neuf → „nöf" (f klingt)
  • seul → „söl" (l klingt)

Teil 2: Zehn Leseregeln, die 90 % des Französischen abdecken

Was du siehstWie du es liestBeispiel
ou„u" (langes deutsches u, wie in du) — immerbonjour, vous, nous
u (allein)genau das deutsche ü — dein Trumpftu, une, salut
eu / œusehr nah am deutschen ödeux, peur, cœur
oi„wa"moi „mwa", toi „twa", trois „trwa"
au / eau„o"au revoir, beau, eau
ai / ei„ä" (wie deutsches Bär)j'ai, seize, Seine
ch„sch" (NICHT wie deutsches ch in ich)chez „sche", chocolat, chien
gn„nj" (wie italienisches gn in gnocchi)campagne, Espagne
queinfach „k" (das u ist stumm)que, qui, pourquoi
ille„i" am Wortendefille „fi", travaille „tra-WAI"

Dein größter Lese-Fallstrick: deutsche Vokal-Intuitionen blind übertragen. Französisches a = „a" (wie Vater), NIE „ä". Französisches i = „i" (wie die). Französisches e am Wortende ist meistens stumm. Ein Buchstabe, ein Laut — außer dort, wo die Regeln oben es explizit anders sagen.

Geschenk an dich: französisches u ist dein deutsches ü. Tu sprichst du wie deutsch „tü" — fertig. Englischsprachige müssen diesen Laut mühsam aufbauen. Dasselbe gilt für eu ≈ deutsches ö. Zwei kostenlose Schwierigkeiten, die du schon kannst.


Teil 3: Nasalvokale — der Signature-Klang des Französischen

Das ist die Geschmacksnote des Französischen. Ein Nasalvokal entsteht, wenn m oder n auf einen Vokal folgt und die Luft durch die Nase statt durch den Mund geht. Das m oder n selbst verschwindet — es „nasaliert" nur den Vokal davor.

Was du siehstWie du es liest (etwa)Beispiel
an / ennasales „ã" (Mund offen, Luft durch die Nase)France, enfant, temps
onnasales „õ" (Lippen wie für „o" gerundet, Luft durch die Nase)bon, non, maison
in / ain / einnasales „ɛ̃" (Mund weiter offen als bei on)vin, pain, plein
unnasales zwischen „œ̃" und „ɛ̃"un, brun

Deutsch-Fallstrick: sprich das n nicht wie in deutsch Bonbon (mit hartem n am Ende). Das n gehört zum Vokal — deine Zunge sollte den Gaumen nie berühren. Probier es so: sag „englisches song" und stopp kurz vor dem „g". Dieses nasale Summen ist, was Französisch will. Deutsch hat keine Nasalvokale — das musst du als neuen Laut komplett neu lernen.

Trap 2 — wann die Nasalwirkung aufgehoben wird: wenn nach dem n/m ein Vokal folgt oder wenn der Konsonant verdoppelt ist (nn/mm), stirbt die Nasalwirkung und das n/m wird zum normalen Konsonanten: bonne → „bonn" (normales n), ami → „a-mi", femme → „fam".


Teil 4: Akzente — diakritische Zeichen sind neue Buchstaben, keine Betonungszeichen

Wichtig: französische Akzente sind keine Betonungszeichen wie im Spanischen oder Russischen. Sie sind eigenständige Buchstaben mit eigenem Laut oder eigener Funktion. Ignorier sie nicht.

ZeichenNameWie man es liestBeispiel
éaccent aigugeschlossenes „e" — schmaler Mund, wie deutsches Seecafé, écouter, été
èaccent graveoffenes „ä" — weiter Mund, wie deutsches Bärpère, mère, très
êaccent circonflexelanges „ä"; markiert meist ein verlorenes lateinisches sfête (Fest, früher feste), forêt (Wald), hôpital (Spital)
çcédillemacht aus c einen „s"-Laut statt „k" vor a, o, uça, français, garçon
ë / ïtréma„die zwei Vokale getrennt lesen"Noël „no-EL", naïf „na-IF"

Der Zirkumflex-Trick ist eine kostenlose Wortschatzhilfe — Wörter mit ê im Französischen hatten im Altfranzösischen oft ein s und haben es teils noch im Englischen oder Deutschen: fête ↔ Fest, forêt ↔ Forst, hôpital ↔ Hospital, île ↔ isle/Insel, côte ↔ Küste. Zirkumflex weg, s rein, und du hast oft das deutsche/englische Pendant.


Teil 5: Liaison und Élision — was Französisch französisch klingen lässt

Das sind die zwei Verklebungen, die Wörter verbinden. Ohne sie klingt Französisch wie ein Roboter; mit ihnen wie Frankreich.

Liaison — stumme Konsonanten erwachen

Ein Endkonsonant ist normalerweise stumm. Aber wenn das nächste Wort mit einem Vokal (oder stummem h) beginnt, kommt dieser Konsonant zurück und verbindet sich mit dem Folgewort.

  • les amis → „lä-za-MI" (das s kommt als z-Laut zurück)
  • un homme → „œ̃n-OM" (das n kommt zurück)
  • vous avez → „wu-za-WE"
  • petit ami → „pö-ti-ta-MI" (das t kommt zurück)

Deutsch macht das nicht — wir lassen Wörter sauber getrennt. Englisch macht es teilweise instinktiv („an apple" vs „a banana" — das n bricht durch, um einen Vokal zu überbrücken). Französisch macht es systematisch und mit mehr Buchstaben.

Die „Liaison-Zone" — nach diesen Kurzwörtern ist die Verbindung automatisch und Pflicht: les, des, mes, tes, ses, nos, vos, leurs, un, mon, ton, son, deux, trois, six, dix, vous, nous, est, sont.

Élision — Endvokale verschwinden vor einem Vokal

Wenn ein kleines Wort auf einen Vokal endet (meist e, a oder i) und das nächste mit einem Vokal beginnt, fällt der Endvokal des ersten Worts weg und wird durch einen Apostroph ersetzt.

  • je + ai = j'ai (NICHT „schö-e")
  • le + ami = l'ami
  • la + école = l'école
  • si + il = s'il (nur vor il/ils — nie vor anderen Vokalen)
  • que + est = qu'est

Das ist Pflicht, nicht optional. Le ami ist ein Fehler. Deutsch macht etwas Ähnliches in der Umgangssprache („das ist's", „hab' ich"), aber die französische Version ist Standard, nicht Slang.


Teil 6: Zahlen 0–20

Zahlen 0–10 — auswendig lernen, kalt

012345
zéroundeuxtroisquatrecinq
678910
sixsepthuitneufdix

Aussprache-Fallstricke:

  • un — nasal „œ̃" (NICHT „un" wie spanisch uno oder deutsch und)
  • deux — „dö" (eu = deutsches ö)
  • six — drei Aussprachen je nach Kontext: „siss" am Satzende; „si" vor einem Konsonanten (six livres → „si LIWR"); „siz" vor einem Vokal (six amis → „siz a-MI" — das ist Liaison!)
  • sept — „sätt" (p ist stumm, t wird gesprochen)
  • huit — „üitt" (h ist stumm, „uit" klingt wie „ü-itt")
  • neuf — meist „nöf"; aber vor ans (Jahre) und heures (Stunden) wird f zu v: neuf ans → „nö-w-ã", neuf heures → „nö-w-ÖR"
  • dix — gleiche drei Regeln wie six: „diss", „di", „diz"

Zahlen 11–16 (eigene Wörter)

111213141516
onzedouzetreizequatorzequinzeseize

Zahlen 17–19 (Zusammensetzungen: 10 + Ziffer)

171819
dix-septdix-huitdix-neuf

Falle! Französisch wechselt mitten in der Zahlenreihe das System: 11–16 sind eigene Wörter, aber 17–19 sind wörtlich „zehn-sieben, zehn-acht, zehn-neun". Versuch nicht, das 11–16-Muster weiterzuziehen. Deutsch macht es genau anders herum (siebzehn, achtzehn — Ziffer-Zehn), Französisch hängt es vor wie „zehn-sieben".

Zahl 20

vingt → „wã" (nasal; das gt ist am Ende stumm, aber Liaison weckt es: vingt ans → „wã-t-ã").


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