Lektion 44: Idiome und feste Wendungen

So arbeitest du mit dieser Lektion

  1. Lies — verstehe, wie Idiome funktionieren und warum man sie nicht aus den Wörtern „zusammenbauen" kann (10 Minuten)
  2. Erkenne zehnmal mehr, als du produzierst — das ist das Hauptprinzip. C1 ≠ „spricht in Idiomen", C1 = „versteht Idiome in Rede und Text".
  3. Lerne im Kontext — Wendung + Situation, in der man sie sagen kann.
  4. Übertreib es nicht — ein Text voller Idiome klingt schlechter als einer ohne. 1–2 pro Absatz — das ist die Norm.

Das Hauptprinzip einer Idiomatik: Die Bedeutung des Ganzen lässt sich nicht aus den Bedeutungen der Teile ableiten. „It's raining cats and dogs" — keine Katzen, keine Hunde. „Spill the beans" — keine Bohnen. Das sind feste, „erstarrte" Wendungen. Man lernt sie wie ein einziges Wort.

C1-Warnung: Ausländer, die Idiome aufgeschnappt haben, übertreiben es oft — fügen sie ein, wo es nicht passt, wählen zu umgangssprachliche für den geschäftlichen Kontext, oder verwenden sie verzerrt. Ein Muttersprachler merkt das sofort. Besser frei erkennen, aber sparsam und präzise verwenden.

Deutsche Parallele: Das Deutsche ist reich an Redewendungenjemandem einen Bären aufbinden, ins Gras beißen, auf dem Schlauch stehen, jemanden um den Finger wickeln, Tomaten auf den Augen haben. Du kennst das Phänomen aus deiner Muttersprache. Das Englische hat seine eigene, andere Lexik, aber das Prinzip „erkennen ≫ produzieren" funktioniert genau wie im Deutschen: ein Deutschlerner aus dem Ausland, der ständig „die Katze im Sack kaufen" sagt, klingt erzwungen. Dasselbe gilt für dich im Englischen.


Teil 1: Was ist ein Idiom

Idiom — fester Ausdruck, dessen Bedeutung sich nicht aus den Bedeutungen der Bestandteile zusammensetzt.

IdiomWörtlichBedeutet wirklich
it's raining cats and dogses regnet Katzen und Hundees gießt wie aus Eimern
spill the beansdie Bohnen verschüttenausplaudern, das Geheimnis verraten
break the icedas Eis brechendie Befangenheit am Anfang einer Bekanntschaft auftauen
cost an arm and a legeinen Arm und ein Bein kostensehr teuer sein
hit the booksauf die Bücher hauensich ins Lernen stürzen
under the weatherunter dem Wettersich unwohl fühlen
once in a blue mooneinmal in einem blauen Mondsehr selten

Wenn du nur die Bedeutungen der einzelnen Wörter kennst, kommst du niemals auf den Sinn. Und umgekehrt — auch ein Muttersprachler nimmt die Teile eines Idioms nicht wörtlich wahr. „It's raining cats and dogs" — da sind weder Katzen noch Hunde. Da ist ein Stück Text, das „starker Regen" bedeutet.

Hinweis: Manche englischen Idiome decken sich mit deutschenbreak the icedas Eis brechen, read between the lineszwischen den Zeilen lesen, kill two birds with one stonezwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Andere sind unterschiedlichit's raining cats and dogses gießt wie aus Eimern (Eimer, keine Tiere). Achte beim Lernen darauf, welche genau übersetzbar sind und welche nicht.

Wie unterscheidet sich ein Idiom von einer Kollokation (L43)

KollokationIdiom
Die Wörter behalten ihre Bedeutung, sie sind nur „befreundet"Die Bedeutung des Ganzen hat nichts mit den Bedeutungen der Teile zu tun
make a decision — „machen" + „Entscheidung" = „Entscheidung treffen" (logisch)spill the beans — „verschütten" + „Bohnen" = „ausplaudern" (unlogisch)
Leicht variierbar (a big decision / an important decision)Nicht variierbar (man kann nicht „pour the beans" oder „spill the lentils" sagen)
Hunderttausende PaareTausende feste Einheiten

Teil 2: Idiom-Kategorien

A. Vergleiche „as + adj + as + N"

Der „transparenteste" Typ. Oft gehört, leicht verstanden.

IdiomÜbersetzung
as cold as icekalt wie Eis (körperlich oder emotional)
as quiet as a mousemucksmäuschenstill
as busy as a beefleißig wie eine Biene
as light as a featherfederleicht
as old as the hillsuralt
as good as goldbrav wie Gold (von einem Kind, das sich tadellos benimmt)
as easy as piekinderleicht

B. Idiome mit Körperteilen

Sehr häufige Kategorie. Viele decken sich logisch mit deutschen (aber nicht alle!).

IdiomÜbersetzung
to keep an eye onein Auge haben auf, im Auge behalten
to give someone a handjemandem zur Hand gehen, helfen
off the top of my headaus dem Stegreif, ohne nachzudenken
to pull someone's legjemanden auf den Arm nehmen (wörtlich „am Bein ziehen")
to have a sweet tootheine Naschkatze sein (wörtlich „einen süßen Zahn haben")
to get cold feetim letzten Moment kalte Füße bekommen
to be all earsganz Ohr sein
to face the musicdie Konsequenzen tragen

C. Idiome zu Wetter und Zeit

IdiomÜbersetzung
once in a blue moonsehr selten, alle Jubeljahre
under the weathersich unwohl fühlen
a storm in a teacupein Sturm im Wasserglas
to rain on someone's paradejemandem die Freude verderben
every cloud has a silver liningjedes Unglück hat sein Gutes
in the nick of timein letzter Minute
time fliesdie Zeit fliegt
better late than neverbesser spät als nie

D. Idiome zu Geld und Arbeit

IdiomÜbersetzung
to cost an arm and a legein Vermögen kosten
to break the bankdas Budget sprengen
to make ends meetüber die Runden kommen
to be in the redin den roten Zahlen sein
to be on the same pageauf einer Wellenlänge sein
to go the extra miledie Extrameile gehen
to think outside the boxüber den Tellerrand hinausdenken
back to the drawing boardzurück ans Zeichenbrett, neu anfangen

E. Idiome zu Kommunikation und Beziehungen

IdiomÜbersetzung
to break the icedas Eis brechen
to spill the beansausplaudern
to hit it offsich auf Anhieb gut verstehen
to be in the same boatim selben Boot sitzen
to let the cat out of the bagdie Katze aus dem Sack lassen
to bury the hatchetdas Kriegsbeil begraben
to cross that bridge when we come to itdas werden wir sehen, wenn wir dort sind
to read between the lineszwischen den Zeilen lesen

F. Idiome zu Gedanken und Entscheidungen

IdiomÜbersetzung
a piece of cakeein Kinderspiel
to call it a daySchluss machen für heute
to play it by earnach Gefühl spielen, improvisieren
to hit the nail on the headden Nagel auf den Kopf treffen
to bite off more than you can chewsich zu viel vornehmen
to make up your mindsich entscheiden
to have second thoughtsZweifel bekommen, es sich anders überlegen

Teil 3: Die Regel „recognize ≫ produce"

C1-Ziel für Idiome: Alle Idiome aus dieser Lektion (und hunderte weitere) in Rede und Text erkennen. Produzieren — ein Dutzend der neutralsten und sichersten.

Warum diese Asymmetrie?

  • Idiome sind kulturell aufgeladen. „Hit a home run" klingt in Großbritannien unverständlich (es ist eine Baseball-Idiomatik). „Sticky wicket" ist in den USA exotisch (das ist Cricket).
  • Das Register eines Idioms ist oft umgangssprachlich. „Spill the beans" in einer Email an einen Kunden ist unangemessen. Besser — reveal the information.
  • Ein leicht abgeändertes Idiom klingt furchtbar. „Once in a green moon", „hit the iron when it's hot" — der Muttersprachler merkt sofort, dass der Sprecher die Wendung nicht kennt.
  • Zu viele Idiome hintereinander = Klischee. Der Text wird zur Karikatur — „klar wie Kloßbrühe" und „auf Teufel komm raus" reihen sich aneinander, und es klingt wie eine Parodie.

Sicher für den aktiven Gebrauch

Diese Idiome sind neutral, allgemein verständlich und entlarven selten als „Nicht-Muttersprachler":

IdiomWann angemessen
make up your mindin jedem Gespräch über Entscheidungen
keep in touchAbschied von Freund, Kollege
break the iceüber den Anfang einer Bekanntschaft
once in a whileüber Seltenheit
it's up to you„entscheide du"
let's call it a day„machen wir für heute Schluss"
on the same pageüber Einigkeit im Team
fair enough„einverstanden, fair"

Mit Vorsicht

Diese erkennen, aber nicht aktiv benutzen, wenn du unsicher bist:

  • Regionale Idiome (BrE / AmE-Spezifika)
  • Idiome mit veraltetem Kontext („burning the midnight oil")
  • Idiome mit emotionaler Färbung, die du möglicherweise nicht richtig dosierst („kick the bucket" — sterben, sehr derb)

Nächster Schritt: Lektion 45 — Register. Wie sich formelle, neutrale und umgangssprachliche Rede in Wortschatz, Grammatik und Formulierung unterscheiden. Das ist die bewusste C1-Kompetenz, die alle lexikalischen Themen der Stufe 5 zu einer einzigen Fähigkeit zusammenfügt.

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